So 26. Mai 2024 20:00 Uhr
Münster St.-Lamberti-Kirche
Eintritt frei, Vorbuchung im Internet

Himmelsburg Weimar – virtuell

1774 hat sie ein Großfeuer total zerstört: die legendäre „Himmelsburg“ in Weimar. Die Kapelle in der Wilhelmsburg, dem Stadtschloss des Herzogs Wilhelm Ernst, war von 1708 bis 1717 Wirkungsort Johann Sebastian Bachs. Ihre Akustik muss spektakulär gewesen sein, die Architektur des drei Stockwerke hohen Kirchenschiffs war ungewöhnlich: In seiner Decke befand sich, in 20 Metern Höhe, eine drei mal vier Meter große Öffnung, die von einer Empore mit Balustrade umlaufen wurde und die den Blick auf die Himmelsdarstellung in der Kuppel darüber freigab. Auf der Empore stand Bachs Orgel, von hier oben wurde gesungen. Die Musik von dort muss sphärisch geklungen haben – als ströme sie direkt vom Himmel herab.

Heute ist die Himmelsburg virtuell Wirklichkeit – in einem umfunktionierten Überseecontainer auf dem Lambertikirchplatz. Mit VR-Brille ausgestattet, nimmt man in dem Container, der an einen Kirchenraum erinnert, Platz und bewegt sich virtuell sieben Minuten lang mithilfe eines Controllers frei durch den rekonstruierten Kirchenraum: über die roten Fliesen, auf den 15 Meter hohen Altar zu, bis zu fünf Etagen hinauf in die Capella, den höchsten Punkt des Saals. Die Orgelpfeifen erstrahlen im digital herbeigezauberten Sonnenlicht. Die besondere Akustik des Kirchenraums ist mit Bachs „Himmelskönig, sei willkommen“, BWV 182, über Kopfhörer zu erleben. Je nach virtuellem Standort klingt die Kantate, die das Weimarer Ensemble Cantus Thuringia & Capella unter Leitung von Bernhard Klapproth für die Himmelsburg eingespielt hat, anders.

Da nur drei Personen gleichzeitig in der Himmelsburg Platz finden, müssen Interessierte ein festes Zeitfenster für ihren Besuch buchen über www.himmelsburg.de

Die digitale Rekonstruktion der Himmelsburg ist ein Projekt der Thüringer Tourismus GmbH und der Thüringer Bachwochen nach einer Idee von Christoph Drescher und in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Erfurt, der TU Berlin sowie dem Weimarer Ensemble Cantus Thuringia & Capella unter Leitung von Bernhard Klapprott. Visuelle Rekonstruktion:  Rolf Kruse, Florian Scharfe, Luzius Koelling. Akustische Rekonstruktion: Stefan Weinzierl, Christoph Böhm, Tobias Kirchner, Jörg Arnold, David Ackermann.

St.-Lamberti-Kirche

Münster

St. Lamberti am Prinzipalmarkt wurde, von den ansässigen Kaufleuten finanziert, zwischen 1375 und 1525 als Markt- und Bürgerkirche erbaut. Die Kirche aus Baumberger Sandstein gilt, zusammen mit der Wiesenkirche in Soest, als ein Höhepunkt in der Entwicklungsgeschichte der westfälischen Hallenkirche in der Spätgotik. Im 19. Jahrhundert drohte der alte, nach und nach auf 50 m hochgebaute Turm mit Glocken und Spitzkuppel einzustürzen, weshalb man ihn 1888 abriss und bis 1898 durch einen neugotischen, 90,5 m hohen Turm mit durchbrochenem Maßwerk, der sich von dem alten deutlich unterscheiden sollte, ersetzte. Er gilt als eine verkleinerte Kopie des Turms am Freiburger Münster und weist auch Ähnlichkeit mit den Kölner Domtürmen auf.

Bemerkenswert sind die drei Eisenkörbe am Turm von Lamberti. In ihnen wurden 1536 die Leichname der drei Anführer des Täuferreichs von Münster – Jan van Leiden, Bernd Krechting und Bernd Knipperdolling – zur Schau gestellt. Zuvor waren sie auf dem Platz vor der Kirche öffentlich gefoltert und hingerichtet worden. Bei den Skulptur.Projekten 1987 installierte der Künstler Lothar Baumgarten seine „Drei Irrlichter“ in den Käfigen, „ein ebenso nachdenklicher wie ironischer Kommentar zu einem höchst ambivalenten Abschnitt der Stadtgeschichte, der heute seinen festen Platz in der Münsteraner Folklore behauptet“ (Stefan Rethfeld, Sylvaine Hänsel: Architekturführer Münster/Architectural Guide to Münster. Berlin 2017, S. 112).

Eine münstersche Besonderheit: von 21 Uhr bis Mitternacht (außer dienstags) bläst Martje Thalmann, die Türmerin, zur vollen und halben Stunde das Horn. Das Türmeramt auf dem höchsten Punkt der Innenstadt Münsters besteht seit 1379. Die Türmer bliesen die Zeit und hielten als städtische Angestellte nach Feuer und Feinden Ausschau. Martje Thalmann ist, seit 2014, die erste Frau in der Männerdomäne.

Die Hauptorgel von St. Lamberti wurde nach einem Dispositionsentwurf von Ludwig Doerr (Freiburg) 1989 von der Berliner Orgelbauwerkstatt Karl Schuke errichtet, 2006 generalüberholt und erweitert. Das rund 4 Tonnen schwere Instrument hat 55 Register auf vier Manualen und Pedal und hängt im Turmraum der Kirche. „Die St.-Lamberti-Orgel gehört zu den architektonisch bedeutendsten Instrumenten des neueren Orgelbaus – mit der zwischen den Säulen ‚schwebenden‘ Lösung fügt sie sich optimal in den Raum ein. Und auch klanglich bietet sie eine ausgesprochen vielseitige Palette an Klangfarben, sie ist sehr präsent im Raum ohne erdrückend zu sein.“ (Gabriel Isenberg, www.orgelsammlung.de)