So 19. Mai 2024 10:00 Uhr
Münster St.-Paulus-Dom
Bei liturgischen Veranstaltungen – allen Gottesdiensten, Morgenloben und Abendloben – wird selbstverständlich kein Eintritt erhoben.

Pfingstmesse

Die Messe à tre voce in D-Dur von Gaetano Carpani, einem Zeitgenossen Bachs, hat Burkard Rosenberger in der Santini-Bibliothek in der Diözesanbibliothek Münster entdeckt und zum Bachfest ediert. Die Carpani-Messe ist, mit drei hohen Stimmen (Sopran, Sopran, Alt) ungewöhnlich besetzt und auf den Mädchenchor am Dom exakt zugeschnitten.

Die Santini-Sammlung gilt als eine der weltweit bedeutendsten Quellen italienischer Musik des 16. bis 19. Jahrhunderts. Sie umfasst etwa 20.000 Titel in ca. 4.500 Handschriften und rund 1.200 Drucke, überwiegend geistliche Werke. Zusammengetragen wurde diese einzigartige Sammlung von dem römischen Priester und Musiker Abbate Fortunato Santini (1777‒1861). Nach dessen Tod gelangte sie durch den Münsteraner Bernhard Quante, Domvikar und Lehrer für Kirchengesang, in den Besitz des bischöflichen Stuhls in Münster. Heute wird sie in der Diözesanbibliothek Münster aufbewahrt, gepflegt, erschlossen und für die musikwissenschaftliche wie musikpraktische Nutzung bereitgestellt.

Gaetano Carpani (1692‒1785) wirkte in Rom als Kapellmeister an der Chiesa del Gesù, der Mutterkirche des Jesuitenordens. Von den gut 60 überlieferten, fast ausschließlich geistlichen Kompositionen Carpanis ist etwa die Hälfte in der Santini-Sammlung erhalten, ein Großteil davon als Unikat und drei davon höchstwahrscheinlich als Autograph. Für diese außergewöhnliche Konzentration zeitgenössischer Musikhandschriften von Werken Carpanis mögen zwei Gründe ausschlaggebend sein: Zum einen scheint sich die Wirkung Carpanis auf Rom beschränkt zu haben, so dass nur ein auf die Ewige Stadt spezialisierter Sammler wie Fortunato Santini eine solche Kollektion anlegen konnte. Zum anderen war Carpani der Lehrer Giuseppe Jannacconis (1740‒1816), der als Mentor Santinis dessen musikalische Laufbahn maßgeblich beeinflusst und diesen gewiss mit Jannacconis und Carpanis Werken bekannt gemacht hat.

Die Messa à tre voci in D-Dur ist eine der wahrscheinlich autograph überlieferten Kompositionen Carpanis und hat bereits früh Eingang in Santinis Sammlung gefunden, wie ein Eintrag im ersten gedruckten Katalog der Santini-Sammlung von 1820 belegt. Aus welchem Anlass Carpani diese Messe für die ungewöhnliche Besetzung mit drei hohen Stimmen, die chorisch wie auch solistisch auftreten, komponiert hat, lässt sich nicht mehr ermitteln. Stilistisch spielt diese Messe mit vielen der im späten 18. Jahrhundert bekannten kompositorischen Techniken vom Stile antico über Fugen bis hin zu notturnoartigen Duetten, so dass eine Komposition in der späten Lebenszeit Carpanis (und damit in der Ausbildungszeit Jannacconis bei Carpani) wahrscheinlich ist.  (B. Rosenberger)

Burkard Rosenberger ist Musikbibliothekar an der Universitäts- und Landesbibliothek Münster und Herausgeber der Edition Santini der Diözesanbibliothek Münster. Unter Leitung von Verena Schürmann, der Domkantorin am Hohen Dom zu Münster, singt der Mädchenchor am Dom in den Gottesdiensten und Domkonzerten und wirkt bei Kooperationsprojekten mit dem Theater Münster mit.

Besetzung

Mädchenchor am Dom
Verena Schürmann Leitung

Programm

Gaetano Carpani (1692–1785): Messa à tre voce in D-Dur

St.-Paulus-Dom

Münster
Domplatz

Der St.-Paulus-Dom mit seinen Mauern aus Baumberger Sandstein und dem grünen Kupferdach ist das historische Zentrum Münsters. Seit dem frühen Mittelalter ist der Dom Sitz des Bischofs zu Münster. Auf Geheiß Karls des Großen hatte Ludgerus um 800 das Christentum nach Westfalen gebracht und in Münster eine erste Kirche errichtet. Der heutige Dombau ist die dritte Kathedrale auf dem Domhügel, 1225 war die großzügige dreischiffige Basilika geweiht worden. Im Zweiten Weltkrieg fast ganz zerstört, wurde der Dom in seiner heutigen Gestalt bis 1956 wieder aufgebaut.

Mit seinen Türmen (um 1200), dem langestreckten Mittelschiff und den zwei Querhäusern ist der St.-Paulus-Dom ein typisches Beispiel spätromanischer Architektur. Der Haupteingangsbereich, das so genannte Paradies, und auch die südliche Schaufront des östlichen Querhauses wurden im 16. Jahrhundert neu gestaltet, erweitert und mit Skulpturenschmuck ergänzt. Über dem Paradies, an der Südwand des westlichen Querschiffes, ist ein symbolischer Skulpturenschmuck aus der Erbauungszeit der Kirche zu sehen. In der Paradiesesvorhalle wurde im Mittelalter das Sendgericht gehalten, bei dem der Sendrichter die geistlichen Verfehlungen im Bistum richtete. Der heutige Hochaltar enthält Apostelstatuen des 14. Jahrhunderts aus dem Reliquienschrein, der sich im früheren Hochaltar befindet, der heute im historisch ältesten Bauteil, dem Westchor, steht. Er wurde im Zusammenhang mit der Neugestaltung des Chores und der Kathedra des Bischofs, die sein Lehramt verkörpert, von Emil Stephan um 1956 gestaltet. An zeitgenössischer Kunst sind die Fensterzyklen für die Kreuzkapelle, die drei Galenschen Kapellen und angrenzende Fenster nach Entwürfen des Glaskünstlers Georg Meistermann (1985–1990) und die Kreuzwegstationen von Bert Gerresheim (1995/96) im Chorumgang des Domes hervorzuheben.

© Foto Dom:  Dietmar Rabich / Wikimedia Commons / “Münster, St.-Paulus-Dom — 2020 — 3967-73” / CC BY-SA 4.0